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15. Jahrgang (2012) - Ausgabe 2 (Februar) - ISSN 1619-2389
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Spiegel-Affäre (1962) versus Guillaume-Affäre (1974) -
Eine vergleichende Analyse zum
Krisenmanagement in der Politik

von Holger Minning, M.A.

Problemstellung 

Innenpolitische Krisen fanden in der Literatur zum Krisenmanagement bisher nur wenig Beachtung. Auch die zum Höhepunkt des Kalten Krieges entwickelten außenpolitischen Krisentheorien sind für bereits eingetretene innenpolitische Krisen nicht einsetzbar, da sich diese Konzepte ausschließlich auf die Abwendung möglicherweise bevorstehender außenpolitischer Konflikte beziehen. Für einen Vergleich des Krisenmanagements zweier durchlebter innenpolitischer Krisen - der Spiegel-Affäre (1962) und der Guillaume-Affäre (1974) - wird daher im folgenden auf ein betriebswirtschaftliches Analysemodell zurückgegriffen.

Der Vergleich dieser beiden Krisen wird dadurch legitimiert, dass zwischen ihnen wichtige Gemeinsamkeiten bestehen: Sowohl Konrad Adenauer als auch Willy Brandt waren zu Beginn der Krisen politisch angeschlagen. Zwar genossen beide als jeweils erste Kanzler ihrer Parteien im Nachkriegsdeutschland eine hohe Reputation. Dennoch mussten beide Politiker infolge der Krisen direkt (Willy Brandt) bzw. indirekt (Konrad Adenauer) abtreten. Schließlich wurden beide Krisenfälle durch Ermittlungsbehörden ausgelöst. Diese hätten die Krisen ihrerseits möglicherweise bereits im Vorfeld verhindern können.

Methodisches Vorgehen

In Anlehnung an das Modell von Töpfer werden fünf Ebenen der Krisenbewältigung unterschieden: Die inhaltlich-prozessuale Ebene, die Informationsebene, die Organisationsebene, die Kommunikationsebene und die psychologische Ebene. Anders als bei Töpfer liegt der Schwerpunkt der Analyse hier ausschließlich auf den Phasen der Kriseneindämmung und der Wiederherstellung des Vor-Krisen-Niveaus. Die übrigen Krisenphasen des Modells von Töpfer können daher vernachlässigt werden. Übernommen wird hingegen die subjektive, prozentuelle Schätzung des Erfüllungsgrads eines "optimalen Krisenmanagements". Dieser kann zwischen 0 Prozent und 100 Prozent schwanken.

Ergebnisse der Untersuchung

Ein Vergleich beider Krisen führt auf den einzelnen Analyseebenen zu folgenden Ergebnissen:

  • Inhaltlich-prozessuale Ebene: Die Guillaume-Affäre war mit 24 Tagen knapp halb so lang wie die Spiegel-Affäre mit 49 Tagen. Außerdem weist die Guillaume-Affäre eine deutlich geringere Komplexität auf. So trat bei dieser Krise zum ursprünglichen Guillaume-Problem lediglich ein weiterer Krisenaspekt hinzu: Der Rücktritts Willy Brandts. Demgegenüber zog die Spiegel-Affäre nach der Spiegel-Durchsuchung drei weitere Krisen nach sich: Eine Koalitionskrise (weil sich die FDP übergangen fühlte), die Strauß-Krise (weil Konrad Adenauer weiter an Franz Josef Strauß festhielt) und schließlich eine weitere Regierungskrise (weil die FDP endgültig aus der Regierung austrat).
  • Informationsebene: Auf dieser Ebene weisen beide Krisenverläufe deutliche Gemeinsamkeiten auf: Zu Beginn der Ereignisse herrschte bei den handelnden Akteuren und den Regierungsstellen stets ein Informationsdefizit. Viel zu spät wurden außerdem Spezialisten damit beauftragt, einzelne Krisenaspekte zu untersuchen. Ebenso haben es die Krisenakteure versäumt, die eingehenden Medienberichte zu analysieren.
  • Organisationsebene: Die Besetzungen der Krisenstäbe beider Affären ähneln sich stark: Neben dem Bundeskanzler waren unter anderem jeweils drei Minister und Regierungssprecher bzw. Kanzleramtschefs in die Krisenbewältigung involviert. Bei der Spiegel-Affäre waren dies Konrad Adenauer, Franz Josef Strauß, Hermann Höcherl, Wolfgang Stammberger, Karl Günther von Hase und bei der Guillaume-Affäre Willy Brandt, Gerhard Jahn, Horst Ehmke, Hans-Dietrich Genscher und Horst Grabert. Die Strategie Konrad Adenauers, die Krise auszusitzen, schlug fehl. Hierdurch tat er sich nach und nach als Blockierer der Krisenaufklärung hervor, der wichtige Entscheidungen - beispielsweise die Entlassung von Franz Josef Strauß - hinauszögerte. Letztlich drängte er sich damit selbst in eine defensive Position, in welcher der Druck auf ihn stetig wuchs. Auch für Willy Brandt war die Guillaume-Affäre zugleich Chefsache. Im Gegensatz zu Konrad Adenauer behielt er jedoch seinen Handlungsspielraum und entschied vergleichsweise offensiv - auch über seinen eigenen Rücktritt.
  • Kommunikationsebene: Die Kommunikationsstrategien in beiden Affären unterschieden sich deutlich. Während in der Spiegel-Affäre eher defensiv kommuniziert wurde, wählten die Akteure bei der Guillaume-Affäre eine eher offensive Kommunikationsstrategie. In der Gesamtschau gab es in beiden Krisen unrichtige Äußerungen (beispielsweise von Franz Josef Strauß und Willy Brandt), problematische Äußerungen (beispielsweise von Konrad Adenauer, Hermann Höcherl und Hans-Dietrich Genscher) und unklare Äußerungen (beispielsweise von Franz Josef Strauß und Willy Brandt). Zudem widersprachen und korrigierten sich die Krisenakteure häufig in ihren eigenen Aussagen. Den Kommunikationsgau löste schließlich Konrad Adenauer aus, als er mit der Aussage, es gebe einen "Abgrund von Landesverrat im Lande", an ein Hitler-Zitat erinnerte.
  • Psychologische Ebene: Beide Krisen lösten starke öffentliche Reaktionen aus - vor allem in den Medien. Auch einzelne Themen wurden stark emotionalisiert. So rief die Beschneidung der Pressefreiheit durch die Besetzung der Spiegel-Räume allgemeines Entsetzen hervor. Während die Verhaftung von Günter Guillaume als Sensation dargestellt wurde, kommunizierten die Medien den späteren Rücktritt von Willy Brandt als Tragödie. Die Wahrnehmung dieser Signale durch die eigentlichen Krisenakteure war vergleichsweise schlecht. Sowohl Konrad Adenauer als auch Willy Brandt reagierten nicht auf die Forderungen der Öffentlichkeit nach Entlassung von Franz Josef Strauß bzw. Horst Ehmke aus ihren Ämtern.

Im Gesamtvergleich war das Krisenmanagement der Guillaume-Affäre besser als das während der Spiegel-Affäre. Bezogen auf das Erfüllungsniveau eines "optimalen Krisenmanagements" (100 Prozent) liegt der subjektiv geschätzte Gesamtwert über alle fünf Analyseebenen bei der Guillaume-Affäre bei 50 Prozent. Demgegen erreicht das Krisenmanagement im Rahmen der Spiegel-Affäre nur 24 Prozent.

Abbildung 1: Subjektive Bewertung der Bewältigung beider Krisen im Vergleich

Doch warum war das Krisenmanagement Willy Brandts besser als das von Konrad Adenauer? Immerhin trat Willy Brandt direkt ab, während Konrad Adenauer erst neun Monate nach der Krise seinen Hut nahm. Ein Grund könnte die freie Entscheidung Brandts zum Rücktritt gewesen sein. Er trat nicht ab, weil er musste, sondern weil er wollte. Vielleicht war dieses der große Pluspunkt seines Krisenmanagements.

Autor

Holger Minning, M.A.
ehemaliger Student der Geschichte
und Fachjournalistik an der
Justus-Liebig-Universität zu Gießen
E-Mail: holger.minning(at)web.de 

Erstveröffentlichung im Krisennavigator (ISSN 1619-2389):
7. Jahrgang (2004), Ausgabe 1 (Januar)


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